Interview mit Dr. Ulf Rinne über die Zukunft der Arbeitswelt

Experteninterview: Dr. Ulf Rinne (IZA)

Interview mit Dr. Ulf Rinne, der als Arbeitsmarktökonom am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn tätig ist. Dort forscht er unter anderem zur Wirksamkeit von arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen sowie zu den Folgen des technologischen Wandels und der Digitalisierung für unsere Arbeitswelt.

JustHomeoffice: Wie sieht die Arbeitswelt der Zukunft aus? Wird das Homeoffice eine größere Bedeutung haben?

Dr. Ulf Rinne: Die Nutzung von Homeoffice hat während der Pandemie einen großen Schub erfahren. So hat in der Spitze etwa die Hälfte der Beschäftigten in Deutschland von zuhause gearbeitet. Das waren mehr als doppelt so viele wie vor der Pandemie. Auch wenn wir seitdem einen leichten Rückgang der Homeoffice-Quote beobachten, wird die Arbeit im Homeoffice auch künftig eine erheblich größere Bedeutung haben als vor der Pandemie. Dies entspricht nicht zuletzt dem Wunsch der Beschäftigten. Viele von ihnen möchten zwar weniger Arbeitszeit als während der Pandemie im Homeoffice verbringen – vor allem, weil sie den persönlichen Kontakt zu ihren Kolleginnen und Kollegen vermissen. Aber gleichzeitig möchte eine Mehrheit der Beschäftigten mehr Arbeitszeit im Homeoffice verbringen als vor Corona. Wenn es nach den Beschäftigten geht, könnte eine „neue Homeoffice-Normalität“ also weniger Arbeitszeit im Homeoffice als während der Pandemie, aber mehr Arbeitszeit im Homeoffice als zuvor bedeuten. Zumal während Corona auch viele Vorbehalte und Vorurteile das Homeoffice betreffend abgebaut wurden – bei allen Beteiligten. Dies schwächt die in Deutschland vor Corona sehr ausgeprägte Präsenzkultur in Unternehmen. Die Corona-Realität hat gezeigt, welche Tätigkeiten sich auch im Homeoffice gut erledigen lassen – aber auch, wo Homeoffice an Grenzen stößt.

Wie gut haben sich die Unternehmen an den großen Trend hin zum Homeoffice angepasst?

Auch für die Unternehmen war Homeoffice in der Corona-Zeit ein großes, ungeplantes Experiment, das allen Beteiligten sehr deutlich die Vorteile, aber auch die Nachteile der mobilen Arbeit aufgezeigt hat. Die Mitarbeiterzufriedenheit ist aus Arbeitgebersicht allerdings ein hohes Gut, weshalb viele Unternehmen den Wunsch ihrer Beschäftigten nach mehr Arbeitszeit im Homeoffice als vor Corona aufgreifen werden. Es stellt sich auch aus Sicht der Unternehmen daher häufig nicht mehr die Frage, ob im Homeoffice gearbeitet wird, sondern vielmehr in welchem Umfang und unter welchen Bedingungen. Dabei spielen die privaten Bedürfnisse der Beschäftigten genauso eine Rolle wie die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen, sowie – ein wichtiger Punkt aus Sicht der Arbeitgeber – die Kontrolle der Arbeitsleistung und ihrer Qualität. Wo Homeoffice möglich ist, wird es deshalb in der Praxis häufig auf Hybrid-Modelle hinauslaufen: Das heißt, dass viele Beschäftigte einen zunehmenden Teil ihrer Arbeitszeit im Homeoffice arbeiten werden – aber eben nicht vollständig dort tätig sind. Zumal sich Modelle mit relativ flexibler Anwesenheit im Betrieb auch betriebswirtschaftlich rechnen, wenn dadurch etwa Büroflächen eingespart werden können.

Wird den Angestellten mehr Medienkompetenz vermittelt?

Die Pandemie hat sich als Katalysator für die Digitalisierung am Arbeitsplatz erwiesen. Digitale Arbeitsmittel werden von Beschäftigten inzwischen viel intensiver genutzt als noch vor Corona. Beispielhaft stehen dafür die verschiedenen Videokonferenzsysteme – und die Erfahrungen und Anekdoten, die inzwischen viele berichten können und häufig ein Schmunzeln hervorrufen. Die für die Nutzung der digitalen Arbeitsmittel erforderlichen Zusatzkompetenzen haben sich die Beschäftigten allerdings zumeist informell angeeignet. Das war sicherlich den besonderen Umständen nach dem Ausbruch der Pandemie in vielen Betrieben geschuldet, es ist aber leider auch bezeichnend für die in Deutschland nach wie vor nicht sehr ausgeprägte betriebliche Weiterbildungskultur. Angesichts des sich weiter vollziehenden digitalen Wandels unserer Arbeitswelt ist es aber elementar, dass Arbeitgeber wie Beschäftigten die große Bedeutung von Weiterbildung und lebenslangem Lernen erkennen und sich hier viel stärker engagieren als in der Vergangenheit.    

Dank Remote Work gibt es sowohl für Bewerber*innen als auch für die Unternehmen eine größere Auswahl an Möglichkeiten. Wie wird sich diese Tatsache auswirken? Wird sich die Zahl der Bewerber*innen für einzelne Stellen dramatisch erhöhen? Und werden Bewerber*innen dadurch noch mehr Konkurrenz haben?

In der Tat erweitert sich durch die Verbreitung von Homeoffice der Markt für gesuchte Fachkräfte. Unternehmen suchen nicht mehr nur regional, sondern überregional nach Talenten, die einen größeren Teil ihrer Arbeitszeit orts- und zeitunabhängig arbeiten können. Das kann auch zu mehr Konkurrenz zwischen Bewerber*innen für einzelnen Stellen führen, da auch diese ihren Suchradius ausweiten können. Aus meiner Sicht dominiert allerdings eindeutig ein anderer Effekt: Die Verhandlungsposition von gesuchten Fachkräften wird weiter gestärkt. In den kommenden Jahren wird sich der demografische Wandel durch das bevorstehende Ausscheiden geburtenstarker Jahrgänge aus dem Erwerbsleben stark beschleunigen. Fachkräfteengpässe auf dem deutschen Arbeitsmarkt verschärfen sich so weiter. Auch um die Attraktivität der Tätigkeit im eigenen Unternehmen zu erhöhen, sind Homeoffice-Angebote deshalb so wichtig für Arbeitgeber.

Wird die Arbeit im Homeoffice aus Sicht der Beschäftigten eher als belastend oder eher als den Alltag entlastend wahrgenommen und aus welchen Gründen? Welche gesundheitlichen Auswirkungen hat die Arbeit im Homeoffice generell?

Beschäftigte sind grundsätzlich sehr zufrieden mit ihrer Arbeit im Homeoffice. Das trifft zumindest auf vier von fünf Homeoffice-Beschäftigten zu. Besonders zufrieden sind dabei diejenigen, die auch schon vor Corona dort gearbeitet haben. Das könnte bedeuten, dass zumindest einige der „neuen“ Homeoffice-Beschäftigten nicht unbedingt freiwillig dort arbeiten und häufig auch nicht unter ganz idealen Bedingungen. Wesentliche Belastungsfaktoren sind, dass sich Arbeit und Privatleben manchmal nicht gut trennen lassen, dass sich manche Tätigkeiten im Homeoffice nicht so gut erledigen lassen wie im Büro, und dass teilweise mehr Überstunden geleistet werden. Für Eltern – und insbesondere Mütter – kamen während der Pandemie noch Schwierigkeiten hinzu, während der Schul- und Kita-Schließungen die Betreuung ihrer Kinder sicherzustellen oder Homeschooling zu organisieren. Insgesamt gibt es also auch im Homeoffice zahlreiche physische und psychische Belastungen, weshalb der betriebliche Gesundheitsschutz im Homeoffice genauso wichtig ist wie bei der Arbeit in Präsenz. Dazu zählt unter anderem die Ausstattung mit geeigneten Arbeitsmitteln, aber auch die Beachtung von Pausen- und Ruhezeiten ist wichtig – mit einer stärkeren Eigenverantwortung der Beschäftigten und somit höheren Anforderungen an ihr Selbstmanagement.

Wie hat das IZA auf den Trend Homeoffice reagiert? Welche großen Herausforderungen gilt es zu meistern?

An unserem Institut selbst haben wir mit der Einführung eines hybriden Modells zügig die Weichen für die Zeit nach der Pandemie gestellt. Wir hoffen auf diese Weise, wie auch viele andere Unternehmen, die Vorteile von mobilem Arbeiten und Büropräsenz bestmöglich miteinander zu kombinieren. Eine zentrale Herausforderung besteht sicherlich darin, auch im Homeoffice „ein Team zu bleiben“ und den formellen wie informellen Austausch mit Kolleginnen und Kollegen zu erhalten. Aus diesen Gesprächen entstehen bei uns viele Forschungsideen und künftige Kooperationen, weshalb sie so elementar für unsere Arbeit sind. Allerdings gibt es auch bei hybriden Modellen kein Patentrezept, den Zusammenhalt in der Belegschaft und die innerbetriebliche Kommunikation optimal zu gestalten. Ein möglicher Weg ist aber, an bestimmten Wochentagen Präsenz im Betrieb zu empfehlen: In Analogie zu Kernarbeitszeiten können man hier von „Kernarbeitstagen“ sprechen. Darüber hinaus könnten an Homeoffice-Tagen virtuelle Teambesprechungen im Sinne von „Kaffeepausen“ angeboten werden – also Besprechungen ohne feste Tagesordnung und mit Rückzugsmöglichkeiten für informelle Gespräche in kleineren Gruppen.  

Dr. Ulf Rinne

Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA)

Arbeitsmarktökonom am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit
www.iza.org

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